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Leuchtkäfer in amerikanischen Kriminalromanen

Leuchtkäfer schaffen Stimmung wie Schmetterlinge und Sternschnuppen, definieren Jahres- und Tageszeit eines Erlebnisses, lösen Erinnerungen aus an andere Zeiten und Orte, an die Kindheit und die Jugend, an Ferien und den Süden. Dies gilt nicht nur für Eurasien, sondern auch für die gemässigten Zonen Nordamerikas. In Robert Crais Roman "Free Fall" (1993, dt. "Im freien Fall" als Rowohlt Taschenbuch) legt der coole kalifornische Privatdetektiv Elvis Cole nach Feierabend Würste auf den Grill und sinniert:

"Der Himmel war dunkler geworden, und als die Sonne im Westen in einem purpurnen Teich unterging, vermischten sich die Gerüche des knospenden Eukalyptus und des nachtblühenden Jasmins mit dem Holzkohlenrauch. Es war ein sauberer, gesunder Rauch, der mich, wie immer, an offenes Land und kleine Jungs und Mädchen denken liess, die auf Bäume klettern und Glühwürmchen sammeln. Vielleicht bin ich einmal einer der kleinen Jungs gewesen. Vielleicht bin ich immer noch einer. In Los Angeles gibt es keine Glühwürmchen." (S. 116)

Wo es sie noch gibt, ist das Fangen von Leuchtkäfern auch in den USA ein beliebter sommerlicher Zeitvertrieb geblieben und vermag Kinder von der Spielkonsole wegzulocken. "Es ist eine der wenigen Aktivitäten, welches die Generationen verbindet", meint der Leuchtkäferspezialist Tom Turpin, "sogar heutige Kinder verlassen den Sega und gehen Leuchtkäfer fangen." In neueren amerikanischen Kriminalromanen - besonders aus dem Süden und dem Osten der USA - blinken Leuchtkäfer noch regelmässig auf, oft an entscheidenden Stellen, nicht als Handlungs-, jedoch als Stimmungsträger. Bei Robert Crais, dem Drehbuchautor der Kultserie "Miami Vice", fehlen die Käferchen in kaum einem Buch. Wenn die Nacht beginnt, verdrängt das Zirpen der Grillen den Lärm der Motorfahrzeuge und die Leuchtkäfer schwirren durch die Luft (S. 228 in "Die Rache der Samurai", wie die weiteren Bücher des Autors dt. ebenfalls als rororo Tachenbuch erschienen). In den Bergen um Hollywood surren bei Crais sogar die Strassenlampen wie wütende Leuchtkäfer ("Kidnapping", S. 92). In "Voodoo River" (S. 193 der deutschen Ausgabe) ziehen die Leuchtkäfer durchs Zwielicht der Sümpfe Louisianas, wo es von Swamp Crawfishes wimmelt, den da wie dort gern verspiesenen Roten Sumpfkrebsen, die auch in der Schweiz heimisch geworden und dank der geplanten Vergiftungskampagnie im Küsnachter Schübelweiher in die Schlagzeilen geraten sind.

James Lee Burke lässt, ebenfalls in Louisiana, in "Burning Angel" (was auch Leuchtkäfer bedeuten kann), an einem Angelpunkt seiner komplexen Story die Leuchtkäfer tanzen, als die letztlich natürlich verhängnisvolle Liebesbeziehung des Sohnes eines weissen Grundbesitzers mit einer jungen schwarzen Pächterstochter vom Verwalter entdeckt wird:

"An einem schwülen Augustabend, als die Leuchtkäfer funkelnd zwischen den Bäumen tanzten, entdeckte Moleen die wahren Fähigkeiten seines Verwalters. Er und Ruthie Jean hatten sich in dem Schuppen hinter den Bäumen getroffen, und als er sich schweisstriefend und schlaff von ihr erhob und ihre Hände von seinen Hüften glitten, hörte er trockenes Laub knistern, dann knackte ein Ast, und ihm wurde klar, dass da draussen jemand war, schwer atmend durchs Unterholz ging." (dt. "Im Dunkel des Deltas", Goldmann Taschenbuch, S. 186)

In "Nacht über dem Bayou" leuchten rote Glühwürmchen in der Dunkelheit (ebenfalls Goldmann Taschenbuch, S. 247), während Burke eine "richtig abgefahren heisse Nacht" dadurch charakterisiert, dass die Bäume voller Glühwürmchen sind, im Sumpf draussen die Ochsenfrösche quaken und die Nutrias schreien (S. 293).

Im schrecklichen, ausgezeichnet geschriebenen und mehrfach ausgezeichneten Erstling "Post Mortem" (deutsch "Ein Fall für Kay Scarpetta") von Patricia Cornwell schliesslich spürt die Gerichtmedizinerin von Richmond (Virginia) eines Nachts gegen Ende der Geschichte, dass es der Serienmörder auf sie abgesehen hat:

"Ich überprüfte die Haustür, sah nach, ob die Alarmanlage angestellt war, und ging nach oben. Mein Schlafzimmer lag am Ende des Korridors, und das Fenster ging auf den Wald hinter dem Haus hinaus. Leuchtkäfer blinkten in der rabenschwarzen Dunkelheit hinter dem Fenster, und ich liess nervös die Jalousien herunter." (Knaur Taschenbuch)

Der Leuchtkäfer markiert Stimmungen am Rand zum Jenseits, in Grenzräumen an der Peripherie, lässt Vergangenes aufleben und bringt blitzartig die Selbstverständlichkeit der alltäglichen Raumzeit zum Einsturz. Die Fähigkeit, Situationen aufzuladen, verdankt der Käfer unterdessen nicht nur seiner eindrücklichen Erscheinung, sondern auch seiner zunehmenden Seltenheit – auch in Nordamerika verschwinden die "fireflies" oder "lightning bugs" (glowworm site Texas).