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Haiku - Japanische Leuchtkäferlyrik

In keinem Land wird dem Glühwürmchen so grosse Beachtung geschenkt wie in Japan, wo "hotaru" so etwas wie ein Nationalheiligtum darstellt. "Hotaru" steht für Flüchtigkeit, Vergänglichkeit, Schönheit und Trauer und bedeutet nicht nur Leuchtkäfer, sondern auch Einklang zwischen Mensch und Natur. Auch heute begeben sich zur Zeit des Käferleuchtens Tausende von Menschen nachts in die Gegenden, wo es noch Leuchtkäfer gibt. Das Erlebnis der Jahreszeiten wird in Japan traditionell in stärkerem Mass gesucht als etwa in Europa, Kirschblüte und Glühwürmchen sind wichtige Ereignisse im Jahreslauf. In der Tradition der Haiku-Dichtung, welche mit Matsuo Basho und seinen Schülern im 17. Jahrhundert ihre Blüte erfuhr, spielen Leuchtkäfer gerade auch wegen ihrem Bezug auf Kalender und Wechsel der Jahreszeiten eine Rolle.

Haiku sind siebzehnsilbige Dreizeiler (5/7/5), die darüber hinaus wenigen Regeln genügen müssen: Sie sollen ein einmaliges Ereignis aufgreifen, das als gegenwärtig dargestellt wird, und mindestens einen Naturgegenstand erwähnen, der auf die Jahreszeit verweist. Das Haiku ist konkret:

Sieht man ihn bei Tag,
ist des Glühwurms Nacken nichts
als ein roter Fleck –

schreibt Basho und verweist damit auf eine bestimmte, nur in Japan lebende Art mit rotem Halsschild und hellem, bläulichem Licht, den Genji-Leuchtkäfer (Luciola cruciata), der mit dem Italienischen Leuchtkäfer verwandt ist. Basho (1644-1694) zog als Zen-Mönch durch das Land. Haiku und Zen sind verwandt. Zen lehrt, dass Erleuchtung in einem Blitz der Intuition erfahren wird, ausgelöst durch die lebendige Wahrnehmung irgendeines Ereignisses, das die Welt in ihren sich bedingenden Gegensätzlichkeiten verständlich macht. Die Erleuchtung blitzt aus der konkreten Erfahrung auf, ihr Licht kommt aus der erlebten Situation und nicht von einer übernatürlichen Aussenbeleuchtung.

weitere Leuchtkäfer-Haiku:



Er scheint auf
so leicht, wie er verblasst:
der Leuchtkäfer.

Chine (ca. 1660-1688), in der Tradition der Todesgedichte, zum Abschied als letztes Gedicht vor dem nahenden Tod verfasst



Traurig sehe ich
das Licht auf meiner Hand verblassen:
der Leuchtkäfer.

Mukai Kyorai (1671-1704), Antwort auf das Todesgedicht seiner Schwester Chine



Das verirrte Kind
weint und weint und hascht dabei
nach dem Glühwürmchen doch!

Ryusui (17. Jh.)



Ach, wie wird mir bang –
Plötzlich, eine Elle lang,
losch der Glühwurm aus!

Hokushi (+1718)



Seltsam – wie Boten
fliegen links, fliegen rechts,
die Leuchtkäfer.

Kaiga (+1718), Todesgedicht. Leuchtkäfer gelten auch als Seelenlichtchen.



Nur der Fluss allein
bleibt in Dunkelheit gehüllt –
Feuerkäferflug!

Chiyo-ni (1701-75)



Das Glühwürmchen,
gejagt, flüchtet sich
in den Mond.

Ryota (1707-1787)



Als ein Glühwurm flog,
rief ich unwillkürlich "Schau!",
doch ich war allein –

Taigi (1709-72)



Dem, der es verfolgt,
leuchtet es noch auf den Weg -
Feuerkäferchen!

Oemaru  (1719-1805)



Erster Glühwurm fliegt –
als ich ihn erhaschen will.
bleibt mir nichts als Luft!

Als du mir entkamst,
seufztest du wohl hörbar auf,
Feuerkäferchen!

Issa (1763-1852)



Schau in meiner Hand
ist der Feuerkäfer kalt,
mag er noch so glühn.

Masaoka Shiki (1866-1902)



Grillen zirpen rings.
Nur der Glühwurm ganz allein
schweiget still und glüht –

Rokujin (*1878)



Wenn nur eines fliegt,
glänzt der Garten voller Tau –
Feuerkäferchen!

Kirei



Noch weiter zurück reicht die Tradition einer dem Haiku verwandten Gedichtform: Tanka. Das Tanka ist ein einunddreissigsilbiger Fünfzeiler (5/7/5/7/7). Auch im Tanka flimmert der Leuchtkäfer:

Feuerkäferchen,
ja, wie ist es möglich nur,
dass du immer glühst
durch die ganze Sommernacht,
ohne Hitze, ohne Rauch?

Kaiser Horikawa-In (1073-1101)



Am Wegesrand mir
der Glühwurm ganz allein war
der Weggenosse,
als einsam ich heraustrat
bei dunklem Abendhimmel.

Mönch Jakunen (um 1120)



Von Fischerbooten
der Feuer altes Leuchten
verschwommen aufscheint;
und bei dem Dorf Ashiya
da fliegen nun Glühwürmchen!

Fujiwara-no-Yoshitsune (1169-1206)