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NZZ Folio 6/04 Von TierenErotische Leuchtreklame
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Wissenschafter zahlen 50 Franken für ein Gramm Leuchtkäferhintern. |
WIR HABEN uns schon als Kind daran erfreut. Und wir sind noch
immer
seltsam berührt, wenn uns das Wunder der Sommernacht begegnet: Im
Gras
leuchtet ein gelbgrünes Licht, es fliegen blinkende Funken durch
die
Luft - das ist die Hochzeitsnacht der Glühwürmchen.
Die Glühwürmchen sind allerdings weder Würmer noch
Fliegen (wie die
englische Bezeichnung Firefly glauben macht). Sie gehören zur
Familie
der Leuchtkäfer, Lampyridae, die mit 2000 Arten fast die ganze
Welt
bevölkert. Ihre Vielfalt ist faszinierend. Während der auch
in der
Schweiz heimische Kurzflügel-Leuchtkäfer nur schwach glimmt
und im Laub
oder unter Steinen versteckt lebt, zeigen die Leuchtkäfer in den
Tropen
Südostasiens ein grandioses Feuerwerk: Zu Tausenden versammeln
sich
männliche Tiere auf einem Baum und warten bis zur Dämmerung.
Erst
blitzen einzelne und bald schon viele Lichter im Blattwerk. Innert
Minuten synchronisieren sich die individuellen Lichtsignale zum
gemeinsamen mächtigen Blitz, der jetzt wie ein Leuchtturm den Baum
in
regelmässigem Intervall aufleuchten lässt - eine
kilometerweit
wahrnehmbare erotische Offerte an die Käferweibchen.
Die in den Urwäldern Lateinamerikas lebenden
Leuchtschnellkäfer sind
besonders lichtstark. Schon im 16. Jahrhundert berichtete der
italienische Gelehrte Ulisse Aldrovandi, wie Indianer sich drei oder
vier Leuchtkäfer mit einem Faden um den Hals oder an den grossen
Zeh
banden, was durchaus als Wegbeleuchtung genügte. Der Naturforscher
Alexander von Humboldt bastelte sich auf einer seiner
Amerika-expeditionen eine Leselampe, indem er einen Kürbis
aushöhlte,
mit Löchern versah und einige Leuchtkäfer darin einsperrte.
Für das
nächtliche Rendez-vous steckten Frauen in der Karibik
Leuchtkäfer in
kleine Gazesäckchen und schmückten damit ihr Haar.
So vertraut das animalische Leuchten den Menschen ist, der Mechanismus
solcher Biolumineszenz blieb bis in unsere Zeit rätselhaft. Zwar
stellte schon Aldrovandi fest: «Sonderbarerweise verbrennt man
sich
nicht, wenn man die Tiere anrührt.» Wie das «kalte
Licht» jedoch im
Tierkörper entsteht, blieb offen. Erstaunlich ist die
Energiebilanz des
Biolichts: Während der Wolframdraht in der Glühbirne nur etwa
5 Prozent
der verbrauchten Elektrizität zu Licht umwandelt und 95 Prozent
als
nutzlose Wärme verpuffen, macht der Leuchtkäfer 98 Prozent
der Energie
zu Licht. Wie das Tier solche sagenhafte Energieeffizienz zustande
bringt, hat erst die jüngere Molekularbiologie geklärt.
Der Leuchtkäfer trägt an der Unterseite des Hinterleibs ein
Leuchtorgan
aus drei Schichten. Unter einer durchsichtigen, zähen Hautschicht
liegen grosse lichtaussendende Zellen, die von einem Reflektor
abgeschlossen sind. Der Reflektor besteht aus einer Schicht von Zellen,
die mit Kristallen aus Harnsäure vollgepackt sind, die das Licht
wie
ein Spiegel reflektieren und so die Wirkung der Leuchtzellen
verstärken.
In den Leuchtzellen spielt sich komplizierte Biochemie ab: Luciferin,
ein kleines Molekül aus knapp 30 Atomen, produziert Licht mit
Hilfe von
Sauerstoff und von ATP (Adenosintriphosphat, ein Molekül, das in
fast
allen Lebewesen chemische Energie zu den Zellen transportiert).
Das Luciferin kann die chemische Energie aber nur in Licht umwandeln,
wenn ihm das Enzym Luciferase als Katalysator zur Seite steht.
Luciferase ist ein Riesenmolekül aus über 10 000 Atomen, das
gleichsam
als ordnende Atomlandschaft das Luciferin, den Sauerstoff und das ATP
für den Lichtakt in Position zueinander bringt. Wie man erst seit
der
genetischen Entschlüsselung im Jahr 1995 weiss, ist es auch die
Luciferase, die für die Lichtfarbe der verschiedenen
Leuchtkäferarten
verantwortlich ist.
Während Amazonasindianer heute wohl eher eine Taschenlampe
anstelle von
Leuchtkäfern benutzen, sind die Tierchen im Forschungslabor
hochbegehrt. Für ein Gramm getrockneter Leuchtkäferhintern
bezahlen
Wissenschafter heute um die 50 Franken. Denn seine Eigenschaft, nur bei
Präsenz des Energiemoleküls ATP zu leuchten, macht das
Leuchtkäferpulver zum praktischen und empfindlichen Test, ob
irgendeine
Materialprobe ATP und damit Zellen von Lebewesen enthält. So
versucht
die Nasa mit dem Leuchtkäfertest Leben auf andern Planeten
nachzuweisen.
In der Schweiz gibt es ausser dem Kurzflügel-Leuchtkäfer noch
drei
weitere Arten. Während der Italienische Leuchtkäfer und der
Kleine
Leuchtkäfer (bei beiden Arten sind Männchen und Weibchen etwa
einen
Zentimeter gross) in den Bündner Südtälern und im Tessin
zu finden
sind, kommt der Grosse Leuchtkäfer (hier ist das Weibchen doppelt
so
gross wie das Männchen) im ganzen Land vor.
Man kann die Arten an ihrem Leuchten unterscheiden. Alle Weibchen
sitzen flugunfähig am Boden, die des Grossen Leuchtkäfers mit
einem
starken gelbgrünen Dauerlicht, die des Kleinen Leuchtkäfers
mit
gleichem Licht, aber schwächer, im Sekundentakt weiss blinkend die
Italienische Leuchtkäferfrau. Die Männchen dagegen
können fliegen: mit
einem Sekundenblinken wie sein Weibchen das Männchen des
Italienischen
Leuchtkäfers, als glimmender Funken das Kleine
Glühwürmchen und ohne
Bordbeleuchtung schliesslich der Grosse Leuchtkäfer.
Der Lebenszyklus des Grossen Leuchtkäfers Lampyris noctiluca
beginnt im
Herbst als hellgelbes Ei, das schon in den ersten Tagen auf
rätselhafte
Weise schwach leuchtet. Und auch die fünf Millimeter lange Larve,
die
nach einem Monat schlüpft, hat an ihrem Hinterende bereits ein
kleines
Leuchtorgan, das für einige Sekunden schwach leuchtet, wann immer
sie
gestört wird.
Alles, was die Larve in den nächsten zwei Jahren tut, ist Fressen.
Sie
geht in der Nacht Schnecken an den Kragen, die 200-mal grösser als
sie
selber sind - wie wenn ein Löwenbaby einen Elefantenbullen erlegen
würde.
Mit ihren Mundfühlern «schnüffelt» die Larve im
Dunkeln entlang der
Schleimspur, kriecht der Beute auf den Rücken und setzt mit den
dolchartigen Kiefern eine erste Wunde. Ähnlich einer Giftschlange
pumpt
die Larve Nervengift in den Körper des Opfers. Ist die Schnecke
gelähmt, wird sie mit einem eiweissauflösenden Gift bei
lebendigem Leib
vorverdaut und als Brühe schliesslich aufgesogen.
Der Riesenappetit macht die Larve nach einer einzigen Mahlzeit bis zu
viermal schwerer, was laufend Häutungen nötig macht, um das
zu eng
gewordene Panzerkleid zu erweitern. Nach zwei Jahren verpuppt sich die
Larve im Mai; zwei Wochen später schlüpft der fertige
Leuchtkäfer aus
der Hülle.
Dem erwachsenen Käfer bleiben nur noch wenige Wochen. Das Tier hat
jetzt weder Mund noch Verdauungsorgane; es lebt von Luft und Liebe - im
Wettlauf gegen das Verhungern. So sucht sich das Weibchen einen
möglichst offenen Platz im Gelände, wo es auf einem
Sandhaufen oder
oben auf einem Grashalm in der frühen Nacht seinen Hintern
himmelwärts
krümmt, um mit dem Licht die Männchen, die einen Meter
über dem Boden
auf Suchflug sind, anzulocken. Um ihr Werben noch zu verstärken,
schwingt das Weibchen die Leuchtreklame langsam hin und her.
Fast die Hälfte der Weibchen hat schon in der ersten Nacht
Glück;
weitere 30 Prozent werden in den beiden folgenden Nächten vom
Bräutigam
entdeckt. Jede zusätzliche Nacht lässt das Licht und damit
die Chancen
des Weibchens schwächer werden.
Die Hochzeit der Leuchtkäfer findet um die Zeit der Sonnenwende,
des
Johannistags am 24. Juni, statt, weshalb der Leuchtkäfer auch
«Johanniswürmchen» heisst. Sobald ein fliegendes
Männchen das
verheissungsvolle Licht sieht, lässt es sich punktgenau wie ein
Stein
auf die Lichtquelle fallen. Und schon sitzt es auf dem viel
grösseren
Weibchen.
Nicht selten erspähen gleich mehrere Männchen das einzelne
Licht. Was
dann zum Gruppensex mit bis zu einem halben Dutzend Männchen
führt, die
sich auf dem breiten Rücken des Weibchens tummeln, einander
gegenseitig
wegstemmen und zwischendurch hurtig kopulieren.
Herbert Cerutti
Foto: Stephen Dalton / NHPA / Sutter.